16.09.09

Kluge Lektüre: Kafka hilft beim Lernen

Santa Barbara (ddp). Absurde Literatur oder andere Erfahrungen mit logisch kaum nachvollziehbarem Sinn schärfen die Bereitschaft, etwas zu lernen. Das haben amerikanische Psychologen herausgefunden, als sie Studenten eine Kurzgeschichte von Franz Kafka lesen ließen und dann versuchten, ihnen eine erfundene Grammatik beizubringen. Die Kafka-Leser lernten besser und mehr als die Kontrollgruppe, die eine gewöhnliche Geschichte gelesen hatte. Dieser Effekt tritt offenbar nach jeder Art von surrealem oder nicht sinnvollem Erlebnis ein, wie die Forscher in weiteren Experimenten nachwiesen. Travis Proulx von der Universität von Kalifornien in Santa Barbara und Steven Heine von der Universität von British Columbia in Vancouver berichten über ihre Studie im Fachjournal «Psychological Science» (Vol. 20, S. 1125).

Das Geheimnis des Prager Schriftstellers Franz Kafka liege in seiner «fundamentalen Zweideutigkeit», meinte bereits Albert Camus. Den nicht umsonst als kafkaesk bezeichneten Wechsel zwischen dem Absurden und dem Logischen machten sich die Forscher zunutze: Die Versuchsteilnehmer lasen die Kurzgeschichte «Ein Landarzt», deren roter Faden gegen Ende immer mehr verschwindet, bis die Erzählung abrupt endet. Danach bekamen die Probanden 45 Buchstabenreihen vorgelegt, die in einer zwar erfundenen, aber doch logischen Grammatik gehalten waren. Anschließend teilten die Wissenschaftler ihnen mit, hinter den scheinbar unlogischen Buchstabenreihen habe ein System gestanden. Sie testeten die Aufnahmefähigkeit der Probanden, indem diese weitere Buchstabenreihen danach beurteilen sollten, ob sie ihrer Meinung nach in der unbekannten Grammatik verfasst waren oder nicht.

Diejenigen Probanden, die das Original der Landarztgeschichte gelesen hatten, erkannten mehr von den in der erfundenen Grammatik verfassten Buchstabenreihen als andere, die eine umformulierte Geschichte mit eingängigem Inhalt und Ende gelesen hatten. Außerdem gaben die Kafkaleser generell öfter an, die Buchstaben hätten ein System - sie suchten also verstärkt nach einem Sinn hinter den Lettern. Dasselbe Verhalten zeigten Probanden, die sich zwar nicht mit Kafka auseinandersetzen mussten, aber ein anderes absurdes Erlebnis hinter sich hatten: Sie sollten im Vorfeld der Buchstabentests zwei Ereignisse aus ihrem Leben schildern, in welchen sie sich völlig gegensätzlich verhalten hatten. Dann mussten sie formulieren, wie dies auf eine Existenz mehrerer Teile ihrer Persönlichkeit schließen ließ.

Die Erfahrung von etwas, das eigentlich keinen logischen Sinn ergibt, wie surreale Kunst oder das Infragestellen der eigenen Persönlichkeit, bringe einen Menschen dazu, nach einer anderen Art von Struktur in seiner Umwelt zu suchen, erklärt Proulx. Dies sei quasi eine Kompensation für das verwirrende Erlebnis oder diene dazu, das verrutschte Weltbild wieder ins Lot zu bringen. Wichtig sei aber, dass dieser Mechanismus unbewusst ablaufe. «Vor dem Vokabelnbüffeln noch schnell eine Kurzgeschichte von Kafka zu lesen, hilft vermutlich nicht viel», so Proulx weiter. Dennoch wollen die Forscher nun die Auswirkung des Absurden auch auf bewusste Lernvorgänge untersuchen.

 

Mehr zum Thema

  • Altesbedingte Funktionsstörung im Gehirn, Gehirnscan
    © University of Michigan

    Altersprozess: Funkstörung im Gehirn

    München (netdoktor.de) - Das Zusammenspiel der zwei Hirnhälften funktioniert im Alter zunehmend schlechter. damit verlängern sich die Reaktionszeiten, fanden US-Forscher in einer Studie, die im Fachjournal "Frontiers in Systems Neuroscience... mehr

  • Angehörige von Alzheimer-Patienten
    © PhotoDisc

    Alzheimer: Trainiertes Hirn bremst die Krankheit

    München (ddp). Eine höhere Schulbildung mildert die Auswirkungen der Demenzkrankheit Alzheimer - selbst wenn bereits eine deutliche Minderung des Hirnvolumens vorliegt. Das ist das Ergebnis einer Studie von Wissenschaftlern am... mehr

  • Mann, Grübeln
    © Photocase.de/roodini

    Autismus: Die Queen und ich

    München (netdoktor.de) - Autisten machen zwischen sich und anderen keinen Unterschied. Das gilt zumindest für die Hirnregion, in der sie über sich und andere nachdenken. Zu diesem Ergebnis kamen britische Forscher im Rahmen einer in... mehr

  • Eppendorf-Reaktionsgefäße, Generika, Labor, Forschung
    © NetDoktor.de

    Autismus: Wichtige genetische Ursache gefunden

    München (netdoktor.de) - Forscher haben ein einzelnes Gen entdeckten, das offenbar entscheidend an der Entstehung von Autismus beteiligt ist. Die Entwicklungsstörung tritt in betroffenen Familien gehäuft auf, daher fahndeten Wissenschaftler... mehr

  • Nervenzellen; Epilepsie;, Epilepsie, Nervenzellen
    © Max-Planck-Gesellschaft

    Epilepsie: Nervenzellen ohne Hemmungen

    München (netdoktor.de) - Forscher des Max-Planck-Instituts haben einen Schlüsselmechanismus aufgedeckt, der für die Fehlfunktion von Nervenzellen im Gehirn von Epilepsiepatienten verantwortlich sein könnte. Die unkontrollierte... mehr

Angemeldet
Zugang zum Mitgliederbereich Login

Anmelden

Sie haben schon ein Zugang eingerichtet?
Dann geben Sie bitte Ihren Benutzernamen und Ihr Passwort in die unten stehenden Felder ein.


Passwort vergessen?

Zugang einrichten

Um den Mitgliederbereich nutzen zu können, müssen Sie zunächst einen Zugang anlegen. Bitte halten Sie Ihre Service- oder Mitgliedsnummer bereit. Sie legen Benutzernamen und Passwort fest, mit denen Sie sich jederzeit anmelden können.


Neuen Zugang einrichten


Sicherheitshinweis! Ihre Zugangsdaten wie Mitglieds- oder Servicenummer werden beim Anmeldeprozess nicht gespeichert!

Passwort vergessen?

Sie haben Ihr Passwort vergessen?
Kein Problem: Geben Sie Ihren Benutzernamen in das unten stehende Fenster ein und klicken Sie auf "Abschicken". Ihnen wird umgehend ein neues Passwort an Ihre gespeicherte E-Mail Adresse geschickt.
Dieses Passwort können Sie jederzeit wieder ändern.


Mitgliederbereich

Der Zugang zum Mitgliederbereich ist für unsere Kunden reserviert.



Versicherungs- oder Servicenummer
(z. B. 1234567.8) eingeben

Legen Sie Ihre Zugangsdaten fest


Abbrechen